Lines Vermächtnis unterstützt Kliniken dabei, Beobachtungen von Eltern und Bezugspersonen als zusätzliche sicherheitsrelevante Information aufzunehmen, einzuordnen und in bestehende klinische Abläufe zu integrieren.

Warum elterlicheWarnhinweise sicherheitsrelevant sind

Kinder können sich klinisch rasch verändern. Gerade in der Pädiatrie können kleine Veränderungen im Verhalten, in der Atmung, im Trinkverhalten, in der Wachheit oder im Hautbild wichtige Hinweise sein. Eltern und enge Bezugspersonen erleben ihr Kind über viele Stunden hinweg und kennen sein normales Verhalten oft sehr genau.

Elterliche Sorge ist dabei kein Ersatz für medizinische Beurteilung. Sie kann jedoch ein ergänzendes Signal sein, das eine erneute klinische Einschätzung auslöst oder bestehende Beobachtungen schärft. Studien zeigen, dass dokumentierte Sorge von Eltern oder Bezugspersonen mit kritischen Verläufen assoziiert sein kann. Daraus folgt nicht, dass elterliche Sorge eine klinische Beurteilung ersetzt – wohl aber, dass sie strukturiert in die Einschätzung einbezogen werden sollte. (Ankerlink setzen auf Modul unten)

Lines Vermächtnis übersetzt diese Erkenntnis in einen strukturierten Prozess: Warnhinweise von Eltern sollen nicht zufällig gehört werden, sondern regelhaft aufgenommen, fachlich bewertet, dokumentiert und – wenn erforderlich – in bestehende Eskalationsstrukturen eingebunden werden.

Stichwort “Speak-up”: Elterliche Warnhinweise können nur dann wirksam eingebunden werden, wenn Kliniken eine Kultur fördern, in der sicherheitsrelevante Sorgen ausgesprochen werden dürfen. Das gilt nicht nur für Eltern, sondern auch für Mitarbeitende: Pflege, Assistenzärzt:innen oder andere Teammitglieder sollten Hinweise auf mögliche Verschlechterungen ansprechen können, ohne dass dies als Störung verstanden wird. 

Die konzeptionelle Basis: Der Elternwarnsignal-Dialog

Der Elternwarnsignal-Dialog (EWSD) ist das fachliche Ausgangskonzept der Deutschen Gesellschaft für Patientensicherheit mit Input von Lines Mutter. Auf dieser konzeptionellen Basis hat sich Lines Vermächtnis entwickelt. Der EWSD beschreibt einen strukturierten Umgang mit Warnhinweisen von Eltern und Bezugspersonen: von der gezielten Aufnahme über die fachliche Einordnung bis zur möglichen Einbindung in bestehende Eskalationswege.

Ziel ist es, elterliche Sorge als mögliche sicherheitsrelevante Zusatzinformation regelmäßig zu berücksichtigen – nicht als Ersatz für klinische Expertise, sondern als Ergänzung im Sinne der Patientensicherheit.

Ziele von Lines Vermächtnis
  • Systematische Integration elterlicher Beobachtungen – als ergänzende Informationsquelle in der klinischen Entscheidungsfindung
  • Frühzeitige Erkennung kritischer Entwicklungen – zur Vermeidung von Komplikationen und Erhöhung der Patientensicherheit
  • Stärkung der Zusammenarbeit zwischen Eltern und Fachpersonal – durch strukturierte, vertrauensvolle Kommunikation
  • Förderung patientenzentrierter Versorgung – durch aktive Einbindung von Begleitpersonen in den Behandlungsprozess
  • “Adapt to Adopt“: Adaptierung internationaler Best-Practice-Modelle – Prüfung der Übertragbarkeit erfolgreicher Konzepte wie Martha’s Rule oder Ryan’s Rule auf das deutsche Gesundheitssystem
Wie wird das Projekt umgesetzt?

Das Projekt wird modular, praxisnah und partizipativ mit den Kliniken umgesetzt.

  • Auswahl geeigneter Pilotkliniken (z.B. Pädiatrie, Kinderchirurgie, Notaufnahme) Gemeinsame Entwicklung und Umsetzung projektspezifischer Module in enger Abstimmung mit den Kliniken
  • Einbindung betroffener Eltern als wertvolle Perspektive. Die Einbindung von Lines Mutter ist eine Stärke dieses Projektes
  • Begleitende Evaluation & Feedbackintegration zur kontinuierlichen Verbesserung und Wirksamkeitsmessung
  • Abgestimmte Öffentlichkeitsarbeit zur Sichtbarmachung und nachhaltigen Verankerung des Projekts
Unsere Safety Cardfür Kliniken zum Auslegen

Auf welche Symptome können Eltern und Begleitpersonen achten? Die Safety Card ist ein praktischer Begleiter im Krankenhaus.

Unser Badge für die Kitteltasche Für Mitarbeitende

Ihre Botschaft an Eltern/Begleitpersonen und Kinder: Wir sind ein Team! Unser buntes Badge spricht Kinder an und gibt Ihnen auf der Rückseite eine kleine Merkhilfe für eine strukturierte Rückkopplung im Elterngespräch.

Was internationale Studien und Erfahrungen zeigen

Internationale Studien und Versorgungsdaten zeigen übereinstimmend, dass Hinweise von Eltern wichtige zusätzliche Informationen für die klinische Einschätzung liefern können. Eine Auswahl:

Association between caregiver concern for clinical deterioration and critical illness in children presenting to hospital: a prospective cohort study (Mills et al., Lancet Child & Adolescent Health 2025)
Diese prospektive Kohortenstudie mit Daten von über 73.000 Kindern an einer Kinderklinik in Melbourne zeigt: Wenn Eltern oder Bezugspersonen eine Verschlechterung ihres Kindes befürchten, ist dies signifikant mit kritischen Erkrankungen assoziiert und liefert einen wichtigen zusätzlichen Hinweis für die klinische Einschätzung.

Parental Ability to Identify Severe Illnesses in Their Children (Pöyry et al., JAMA Network Open 2026)
Die Studie aus einer pädiatrischen Notaufnahme in Nordfinnland mit 2.375 Kindern und Jugendlichen zeigt: Wenn Eltern den Eindruck haben, dass mit ihrem Kind „etwas ernsthaft nicht stimmt“, ist dies signifikant mit schweren Erkrankungen assoziiert und stellt einen klinisch relevanten zusätzlichen Hinweis dar.

Evaluation of a patient and family activated escalation system: Ryan’s Rule (Dwyer et al., Australian Critical Care 2020)
Die australische Studie zum familienaktivierten Eskalationssystem „Ryan’s Rule“, in der 57 Aktivierungen durch Patient:innen oder Angehörige analysiert wurden, zeigt: Wenn Eltern eine klinische Neubewertung anfordern, führt dies in rund 14 Prozent der Fälle zu einer Verlegung auf ein höheres Versorgungsniveau.

Martha’s Rule – family-activated escalation system in the NHS (NHS England, Auswertungsdaten 2024–2026)
Aktuelle Auswertungsdaten von NHS England zeigen: Zwischen September 2024 und Februar 2026 wurden 12.301 Martha’s-Rule-Eskalationsanrufe registriert. In 4.047 Fällen ging es um eine akute klinische Verschlechterung; 2.310-mal führte die Neubewertung zu einer Behandlungsänderung, darunter 524 Verlegungen auf ein höheres oder spezialisiertes Versorgungsniveau. Das Verfahren umfasst auch die strukturierte tägliche Einbindung von Patient:innen und Familien sowie eine Eskalationsmöglichkeit für Mitarbeitende, wenn ihre Sorge um eine Verschlechterung nicht ausreichend aufgegriffen wird. NHS England berichtet, dass 1.781 Anrufe von Krankenhausmitarbeitenden ausgelöst wurden; 61 Prozent davon halfen, eine akute Verschlechterung zu erkennen.

Über Line

Die zweijährige Line war ein fröhliches Kind. Sie erkrankte im April 2024 und wurde von ihren Eltern ins Krankenhaus gebracht. Dort verschlechterte sich der Zustand des kleinen Mädchens. Ihre Mutter hatte mehrfach auf Veränderungen hingewiesen. Line verstarb im Krankenhaus. 

Dieser tragische Vorfall ist Anlass für das Projekt “Lines Vermächtnis” Gemeinsam mit Lines Mutter entwickelte die DGPS ein Konzept, den  Elternwarnsignal-Dialog, um elterliche Beobachtungen systematisch in klinische Entscheidungsprozesse zu integrieren.

„Ich möchte mit Lines Vermächtnis nicht nur sensibilisieren, sondern Strukturen verändern: Elterliche Warnhinweise können sicherheitsrelevant sein. Mir ist wichtig, dass sie im Klinikalltag nicht als Störung oder zusätzliche Belastung verstanden werden, sondern als Beitrag zu einer sicheren Versorgung. Denn am Ende wollen alle dasselbe: dass Kinder bestmöglich geschützt und behandelt werden.“

— Michelle Bayona, Mutter von Line und Schirmherrin von Lines Vermächtnis

Pilotierung am UKE in Hamburg

Als erste Kooperationspartner-Klinik hat die Kinderklinik im Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf dank Förderung von Hamburg macht Kinder gesund e.V. mit „Lines Vermächtnis“ im Februar 2026 die Erprobung gestartet. In den kommenden Monaten werden mit wissenschaftlicher Begleitung Abläufe und Schulungsbausteine getestet. Wir freuen uns auf die Praxiserfahrungen und laden weitere Kliniken ein, sich zu beteiligen.

Projektpartner
  • Michelle Bayona – Schirmherrschaft
  • DAK-Gesundheit
  • Kinder UKE
Häufige Fragen zur Implementierung in weiteren Kliniken
Können sich aktuell weitere Kliniken anschließen?

Ja. Kliniken, pädiatrische Abteilungen und QM-Verantwortliche, die Interesse an einer Erprobung oder fachlichen Weiterentwicklung von Lines Vermächtnis haben, können gerne Kontakt aufnehmen.

Lines Vermächtnis richtet sich an klinische Bereiche, in denen Kinder und Jugendliche behandelt werden und eine frühzeitige Erkennung klinischer Verschlechterung besonders wichtig ist. Dazu können Pädiatrie, Kinderchirurgie, Notaufnahme, Neonatologie, pädiatrische Intermediate Care sowie Stationen mit Kindern und Jugendlichen gehören.

Ja. Lines Vermächtnis ist kein starrer Standardprozess, der unverändert auf jede Klinik übertragen wird. Entscheidend ist, das Konzept an die jeweiligen Strukturen, Abläufe und Verantwortlichkeiten vor Ort anzupassen.

Dazu gehört die Frage, wie elterliche Warnhinweise aufgenommen, dokumentiert, fachlich eingeordnet und bei Bedarf in bestehende Kommunikations- und Eskalationswege eingebunden werden können. Ziel ist eine Umsetzung, die zur Klinik passt und im Alltag tragfähig ist.

Für eine Umsetzung braucht es eine verantwortliche Ansprechperson in der Klinik sowie die Einbindung relevanter Bereiche, insbesondere Pädiatrie, Pflege, Qualitätsmanagement und Risikomanagement.

Wichtig sind außerdem die Bereitschaft zur Schulung des Personals, die Abstimmung mit bestehenden klinischen Abläufen und regelmäßige Rückmeldungen aus der Praxis. Zentral ist auch eine offene Sicherheitskultur: Elternhinweise sollten nicht als Störung oder Kritik verstanden werden, sondern als mögliche Zusatzinformation für eine sichere Versorgung.

Der Aufwand hängt stark von den bestehenden Strukturen der Klinik ab. Lines Vermächtnis soll kein Parallelprozess neben der Versorgung sein, sondern an vorhandene Kommunikations-, Dokumentations- und Eskalationswege anschließen.

Welche Umsetzungsschritte in der Praxis sinnvoll und realistisch sind, wird derzeit im Rahmen der Pilotierung weiter erprobt. Unter anderem verbindet die Pilotklinik Lines Vermächtnis mit der Einführung von PEWS (Paediatric Warning Score).

Grundsätzlich gilt: Die Einführung sollte so gestaltet werden, dass sie fachlich tragfähig ist und zugleich in den klinischen Alltag passt. Mögliche Module von Lines Vermächtnis sind:

  • Sensibilisierung von Eltern und Bezugspersonen: Materialien, Safety Cards und verständliche Informationen, die Eltern ermutigen, relevante Beobachtungen frühzeitig anzusprechen.
  • Schulung von Fachpersonal: Impulse zu Kommunikation, Bias, Sicherheitskultur, Speak-up, Teamhierarchien und zum Umgang mit elterlichen Warnhinweisen als möglichem Zusatzsignal.
  • Strukturierter Elternwarnsignal-Dialog: Aufnahme, gezieltes Nachfragen, klinische Einordnung, Dokumentation und Rückmeldung an die Familie.
  • Eskalations- und Rückmeldewege: Klärung, wann eine erneute Einschätzung erfolgt, wer einbezogen wird und wie die weitere Kommunikation gestaltet wird.
  • Evaluation und Weiterentwicklung: Rückmeldungen aus der Praxis, Anpassung an lokale Abläufe und Weiterentwicklung der Materialien und Prozesse.

Teilnehmende Kliniken erhalten Zugang zum Konzept und zu Materialien, die bei der strukturierten Einbindung elterlicher Warnhinweise unterstützen sollen. Dazu können Informationsmaterialien für Eltern, Bausteine für die Sensibilisierung von Fachpersonal und Anregungen für klinische Abläufe gehören.

Umfang und Form der Unterstützung werden im jeweiligen Austausch geklärt und an den Stand der Projektentwicklung angepasst.

Weitere Kliniken zur Erprobung gesucht

Sie möchten prüfen, ob und wie Lines Vermächtnis in Ihrer Klinik umgesetzt werden kann? Wir freuen uns über Kontakt von Kliniken, pädiatrischen Abteilungen, QM-Verantwortlichen und Fachpersonen, die elterliche Warnhinweise strukturiert in ihre Abläufe integrieren möchten.

Nehmen Sie Kontakt mit uns auf!

Für Fragen zum Projekt, Kooperationsanfragen und Presseanfragen:
Hardy Müller – Generalsekretär, Deutsche Gesellschaft für Patientensicherheit (DGPS)
hardy.mueller@patientensicherheit.de 

Für Presseanfragen zusätzlich:
Michelle Bayona – Initiatorin von „Lines Vermächtnis“, Mutter von Line
info@fokus-behandlungsfehler.de, Tel. 0160-95698261

 

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